oma zittau

gel-oma-winterk.jpg
ich weiß nicht viel über das leben meiner großmutter. alles was ich habe sind kindheitserinnerungen und berichte meiner eltern.
solange ich sie bewußt kannte hatte sie eine schwache form von alzheimer. ständig suchte sie ihre zähne und meinte immer wir kinder hätten sie die toilette runtergespült. tatsächlich brauchte man nur in der sesselritze zu suchen und dort fand man das gebiß fast immer. ich fand das lustig. ebenso die minütlich wiederkehrende suche nach dem riesigen haustürschlüssel.
für uns kinder war sie eine wunderbare oma. wir nannten sie komischer weise immer oma zittau nach dem ort in dem sie lebte, nie oma elli.
sie konnte unglaubliche sachen stricken. jeder von uns vieren hatte einen dicken pullover für den winter. den trugen wir über allen anderen sachen, wenn wir rodeln gingen. ebenso die mütze aus der nur das gesicht rausguckte mit langem bommel hinten dran.
den winter verbrachte sie meist bei uns im norden. für meine eltern war das manchmal eine schwierige zeit. ich bin nicht ganz sicher, ob sie meine mutter jemals richtig als die frau ihres sohnes akzeptiert hat. im sommer fuhren wir alle mit unseren trabant runter in den süden. acht stunden brauchten wir für die fahrt. heute fragt man sich wie wir alle kinder ins auto bekamen. eines von uns lag meist auf der oberen ablagefläche des kombis. obwohl ich schon sehr lange nicht mehr in zittau war sind mir die straßen und wege vollkommen im gedächtnis.
den letzen sommer verbrachte ich nachdem meine eltern mit meiner jüngeren schwester abgereist waren mit ihr allein. sie hatte jeden tag große probleme sich zu erinnern wer ich war. meist verwechselte sie mich mit anderen familienmitgliedern, die in ihrer erinnerung mein alter hatten. mit dreizehn war ich ihrer immer schlimmer werdenden krankheit nicht gewachsen. ich konnte mit den sehr bösartigen anschuldigungen meinen eltern gegenüber nicht umgehen. wir haben oft gestritten. einmal schrie ich sie an, sie soll die klappe halten. am nächsten tag wußte sie nichts mehr davon. ich habe mich jahrelang furchtbar dafür geschämt.
als sie ein risiko für sich selbst wurde holten meine eltern sie zu uns in den norden. sie hatte ein zimmer im altersheim unseres ortes wo wir sie besuchen konnten. jedes wochenende schlief sie bei uns. irgendwann ging auch das nicht mehr. die ganze nacht über wanderte sie durch die wohnung und suchte nach uns vieren als babys.
sie starb 1997. ich gab mich am telefon als meine mutter aus, damit der arzt mir sagte was los sei. ich mußte mehrmals nachfragen, als er sagte sie sei nun eingeschlafen, weil ich nicht verstand. meine schwester sah mich irritiert an und übernahm dann den hörer, um ihm die nummer unter der unsere eltern zu erreichen waren zu geben. ich saß im schlafzimmer auf dem boden und weinte.
heute wäre sie 100 jahre alt geworden. beim schreiben weine ich noch immer. sie fehlt mir sehr, selbst nach zehn jahren.


3 Responses to “oma zittau”  

  1. 1 Sillie

    ach gela, das kann ich so gut nachvollziehen. meine oma ist im april 2005 (2 tage nach meinem geburtstag) gestorben im alter von 92. es ging alles ganz schnell, sie hat nicht lange gelitten. sie fehlt mir nach wie vor unglaublich. ich finde so schade, dass sie nicht mehr mitbekommen hat, dass ich nach wien gegangen bin, denn früher hat sie mir immer sissigeschichten erzählt. mir kommt es hin und wieder noch absolut unwirklich vor, dass sie tot und auch jetzt hab ich sofort wieder nen kloß im hals.

  2. 2 gela

    ich denke viel an sie. 10 jahre sind eine sehr lange zeit und ich trauere noch immer um sie. es hört sich an, als sollte das irgendwann abgeschlossen sein, aber ich glaube, sie wird mir auch in 20 jahren noch fehlen. mach dir also keine hoffnungen, es wird nicht einfacher.

  3. 3 alex

    meine omi hieß die tempelhofer omi (ich bin halt hier aufgewachsen) und hat mir immer marmeladenbrötchen ans bett gebracht, wenn ich bei ihr übernachtet habe. sie ist schon seit 10 jahren nicht mehr dabei und ich werde wohl nie durch tempelhof fahren ohne nicht zwangsläufig an sie zu denken.

    das schöne ist, dass bei mir mit der zeit der schmerz den wohligen erinnerungen an die gute alte zeit gewichen ist und ich jetzt nur noch einen wohligen schauer schöner (kindheits-)erinnerungen fühle.

    ich glaube, sie würde sich freuen, wenn sie wüsste, wie oft ich an sie denke und wie viel anteil sie dadurch an meinem leben nimmt.

Leave a Reply